Simmeringer Hauptstraße 181/1, 1110 Wien
+43 660 2421982
info@frei-aleviten.com

Alevitische Lehre

Darstellung der religiösen Lehre

Das Alevitentum nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich ist eine eigenständige Glaubensrichtung, die trotz der Entstehung monotheistischer Religionen in Kleinasien, Mesopotamien und dem Nahen Osten bis zum heutigen Tag seine Authentizität bewahren konnte. Der Mensch als can (Dt. geschlechtsneutral, das Leben) steht im Zentrum des Alevitentums nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Das Alevitentum im Sinne unseres Selbstverständnisses definiert den Vervollkommnungsprozess zum Insan-ı Kamil (Dt. vollkommener Mensch), der im Endstadium die Einigung mit Hakk (Dt. Gott bzw. göttliche Wahrheit) zum Ziel hat.

Alevitentum

Das Alevitentum nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich ist eine Glaubensrichtung, die den Weg zum „vollkommenen Menschen“ definiert. Daher definieren wir unseren Glauben auch als yol (Dt. mystischer Pfad). Das Alevitentum nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich glaubt an einen varoluş (Dt. Existenz). Das geschlechtsneutrale Hakk (varlık), das die Existenz definiert, schafft alles Existierende aus sich selbst und seiner eigenen Substanz. Die Aufgabe des Menschen ist es, die Natur mit der er eins ist (Vahdet-i Vücüt), mittels Vernunft und über einen Reifungsprozess (Tr. yol) über den Pfad der DörtKapı Kırk Makam (Dt. Vier Tore und Vierzig Instanzen), zu erkennen. Das Alevitentum nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich unterscheidet die Menschen nicht aufgrund ihrer Ethnie, ihrer Sprache, ihres Glaubens oder ihres Geschlechts. Außerdem ist das Alevitentum nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich keine missionarische Glaubensauffassung und ist nicht bemüht, Andersgläubige zum Alevitentum nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich zu bekehren. Das Alevitentum nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich erkennt und respektiert alle existierenden Religionen und Glaubensgemeinschaften als gleichwertig und mit ein und demselben Auge (Tr. 72 Millete Bir Nazarda Bak).

Die Glaubensrituale der frei-aleviten österreich werden je nach Region vorwiegend in türkischer, aber auch in kurdischer oder zazaischer Sprache abgehalten. Nach dem Prinzip der AlevitInnen im Sinne des Selbstverständnisses der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich ist nicht die Sprache wichtig, sondern die Absicht (Tr. Önemli olan dil deyil, niyettir; sagte unser Geistlicher Shah Ismail im 16. Jahrhundert). So werden heute in Österreich Glaubensrituale auch in deutscher Sprache abgehalten. Wichtig ist, dass der/die Talip (Dt. der/die Laie) seine/ihre eigene Ritualsprache und den entsprechenden Inhalt versteht.

Als die NachfahrInnen einer unterdrückten Glaubensgemeinschaft, die sich stets geheim halten mussten, pflegen die AlevitInnen nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich eine orale Tradition. Die Glaubensüberlieferung der AlevitInnen im Sinne des Selbstverständnisses der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich erfolgte durch die Jahrhunderte hindurch über das orale Transmittieren und lehnt eine orthodoxe Dogmen-Orientierung ab. Nach dem Grundsatz des Heiligen Hünkar Bektasch Veli (13. Jhdt.) ist „das wichtigste Buch, das zum Lesen ist, der frei-aleviten österreich Seite 4 07.02.2022 Mensch an sich“ (Tr. Okunacak en büyük kitap insandır). Zusätzlich gibt es Heilige Schriften, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind.

  1. Grundquelle und Aussagen des Heiligen Hünkar Bektasch Veli – Makâlât
    Das Buch „Makâlât“ beinhaltet das Gedankengut von „Hünkar Bektasch Veli“ (13. Jhdt.) und handelt von den humanistischen Wertvorstellungen sowie dem geistigen Reifungsprozess im Alevitentum nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Hünkar Bektasch Veli hat das Alevitentum gemäß unserem Selbstverständnis im 13. Jahrhundert reorganisiert und entscheidend geprägt. Er ist ein bedeutender Pir (Dt. Wegbereiter erster Instanz) und Denker des Alevitentums nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.
  2. Hagiographien – Velâyetname
    In den Velâyetname sind die heiligen Riten von verschiedenen alevitischen Heiligen und Rehber (Dt. WegbereiterInnen zweiter Instanz) nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich enthalten. Besonders erwähnenswert sind die Velâyetname von Hünkar Bektasch Veli, Dikmen Baba sowie Ali Baba Sultan.
  3. Katechismen – Buyruk
    In den sogenannten Buyruk-Texten (Dt. das Gebot) sind die Rituale, theologische Grundlagen und die Glaubensethik sowie Narrationen des Alevitentums nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich in yazma / risale (Dt. Aufsätze) zusammengefasst. Diese Sammelwerke werden von den Pir (Dt. Geistlicher erster Instanz), Rehber (Dt. Geistlicher zweiter Instanz) und Ana (Dt. Weibliche Geistliche) studiert und an die Talip (Dt. Laien) mündlich weitergegeben. Es gibt verschiedene Buyruk-Gattungen; diese sind im 16. Jhdt. entstanden.
  4. Die Sammelwerke und Dichtungen, Divan genannt, der Yedi Ulu Ozan (Dt. Sieben Heiligen Poeten)
    Gemäß dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich haben im Laufe der Jahrhunderte die AlevitInnen im Sinne unseres Selbstverständnisses ihre Glaubensinhalte in Form von Dichtungen festgehalten und weitergegeben. Besonders hervorzuheben sind die Yedi Ulu Ozan, deren Werke in einer Sammlung (Divan) festgehalten sind. Die Yedi Ulu Ozan sind Gelehrte und TrägerInnen, die die Grundlagen des Glaubens der AlevitInnen im Sinne unseres Selbstverständnisses in ihren Gedichten zum Ausdruck bringen. Ihre über Jahrhunderte überlieferten Gedichte bilden den Kern der aleviti-schen Ethik im Sinne unseres Selbstverständnisses, Glaubensvorstellungen sowie der alevitischen Liturgie im Sinne unseres Selbstverständnisses. Diese sind: Nesimi (14. Jhdt.), Yemini (15. Jhdt.), Fuzuli (16. Jhdt.), Virani (16. Jhdt.), Hatayi (16. Jhdt.), Pir Sultan Abdal (16. Jhdt.) und Kul Himmet (16. Jhdt.).
  5. Die Werke weiterer Persönlichkeiten
    Als Heilige Schriften sind auch die Werke der großen alevitischen Glaubensführer nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich Hallac-ı Mansur (10. Jhdt), Yunus Emre (13. Jhdt.), Ahi Evren (13. Jhdt.) und Balım Sultan (16. Jhdt.), Edip Harabî (19.Jhdt.) anerkannt.

Das alevitische Hakk-Verständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich spricht von der unzertrennlichen Einheit „Hakk-Muhammed-Ali“ des Varlığın Birliği / Vahdet-i Vücut und kreist um den Begriff Hakk. Das geschlechtsneutrale Hakk ist das unendliche Wesen, d.h. die Substanz, die aus unendlichen Attributen besteht. Es handelt sich um ein Ganzes und ein Zusammengesetztes, das weder aus Intelligenz noch aus dem Willen, sondern aus wertneutralen, aufeinander wirkenden und notwendigen Ursachen besteht, die vor allem eine Dynamik zur Lebenserhaltung in sich tragen. Hakk ist die Wahrheit, die Erkenntnis und das Recht. Das heißt: Hakk ist die Existenz, an der man sich orientiert.

Die Geschöpfe gelten als die Offenbarung des Hakk, durch die es sich zu erkennen gibt.
Der Mensch ist ein Geschöpf wie Tier und Natur, jedoch zusätzlich mit Vernunft ausgestattet, die ihn in die Lage versetzt, das Hakk zu erkennen. Der Mensch wird als Widerspiegelung des Hakk betrachtet. Daher gibt die Formel En-el Hak (Dt. Ich bin die Wahrheit, im Sinne von: Ich bin das Ebenbild des Hakk) des Hallac-ı Mansur (9. Jhdt.) die Grundlage der alevitischen Existenzvorstellung nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich wieder.

Die AlevitInnen der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich glauben an das Vahdet-i Mevcut (Dt. Einheit der Existenz). Die Idee ist „Nichts entsteht aus dem Nichts“. Dazu gibt die über Jahrhunderte überlieferte Liturgie unseres Heiligen Dichters Edip Harabi (19. Jhdt.) mehr Einblick und Verständnis:


„Noch bevor es Gott und seinen Kosmos gab

Haben wir ihn erschaffen und ihm Gehör geschaffen.
Noch bevor es eine Wohnstätte für die Wahrheit gab,
Nahmen wir sie bei uns auf und erklärten sie zu Hakk.

Noch ist er gewesen ohne Namen.
Weder hatte er ein Geschlecht vorzuweisen
Noch Kleider und auch kein Bild von sich.
Da formten wir ihn dann, nach dem Abbild des Menschen.“

Die AlevitInnen der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich schöpfen Zuversicht aus dem Glauben, dass sie die Kutsal Güç (Dt. Heilige Kraft) in sich tragen und, dass Hakk ihnen die Kraft und den inneren Frieden schenkt, um sich auf den Weg des Hakk (Dt. der Wahrheit) zu begeben. Dieser Glaube ist die Quelle der „Hoffnung auf Vervollkommnung“. Daher glauben die AlevitInnen Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich daran, dass am Ende dieses Prozesses der einzelne Mensch, wenn er seine Nur-i Kadim entdeckt hat, mit Hakk wiedervereinigt wird (Tr. Hakla Hak Olmak). Um dieses Ziel, also die Annäherung an und „Einswerdung mit Hakk“ zu erreichen, glauben die AlevitInnen der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, dass sie nicht nur ein Leben auf dieser Erde haben, sondern, dass Hakk ihnen viele Leben gibt. Der Vervollkommnungsprozess ist für die AlevitInnen der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich eine Folge der Fürsorge des Hakk für die Menschen. Dabei gibt Hakk dem freien Menschen die Möglichkeit, sich ihm durch viele Leben hindurch (Anm. Vier Tore und Vierzig Instanzen) immer mehr anzunähern. Demnach spricht man im Alevitentum im Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich von der Freiheit des Menschen vor Hakk und von einem dialektischen Verhältnis des Menschen zu Hakk, das nicht von bedingungsloser Unterordnung bestimmt wird.

Kurz: Nach dem Durchschreiten der Dört Kapı Kırk Makam (Dt. Vier Tore und Vierzig Instanzen Stufen) und somit der Beendigung des Devriye (Dt. geistiger Reifungsprozesses) erlangt der Mensch das Stadium des Insan-ı Kamil (Dt. vollkommenener Menschen) und damit letztendlich Hakla Hak Olmak (Dt. die Wiedervereinigung mit Hakk).