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Theologische Grundlagen

Theologische Grundlagen

 

 

 

 

 

Ikrar (Dt. Die Initiation in die Gemeinschaft durch das Ablegen eines Gelübdes)

  • Die Initiation der Mitglieder in die Gemeinschaft frei-aleviten österreich besteht vor allem im Abgeben des Ikrar (Dt. Gelübde). Das Leben im Rızalık (Dt. Einvernehmen) mit sich selbst und mit der Gemeinde sind wichtige Voraussetzungen dafür. Vor der Glaubensgemeinschaft beim Cem legt der/die Talip (Dt. Laie) sein/ihr Gelübde ab und beschreitet damit den Yol (Dt. der mystische Pfad/Weg) der AlevitInnen der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Damit orientiert er/sie sich an dem Wertesystem (Vier Tore und Vierzig Instanzen). Durch das bewusste Eintreten in den mystischen Yol (Dt. der mystische Pfad/Weg) bekennt man sich zum Alevitentum nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen


Kutsal Güç (Dt. Glaube an die heilige Kraft)

Die frei-aleviten österreich glauben an eine Heilige Kraft des Hakk, die auf die Menschen als Can (Dt. Seele, Leben, Existenz) übertragen wurde. Jeder Mensch, unabhängig seiner Herkunft, seines Geschlechts oder seiner Religion und Weltanschauung, hat Anteil an dieser Heiligen Kraft. Damit besitzt er die Eigenschaften des Hakk, die er zur erkennen berufen ist: Insan-ı Kamil (Vollkommener Mensch).


Devriye (Dt. Glaube an die Seelenwanderung)

Die Glaubensgemeinschaft frei-aleviten österreich glaubt an die Seelenwanderung (Metempsychose). Das Can (Dt. die Seele, das Leben, die Existenz) besteht aus zwei Teilen: dem Can (Dt. reine Seele) und dem Ten / Nefis (Dt. Triebseele). Die Seele kommt vom Hakk und kehrt „gereinigt von ihren niederen Teilen bzw. egoistischen Zügen“ (über den Pfad der Vier Tore und Vierzig Instanzen) wieder zu ihm/ihr (Hakk) zurück. Der Tod betrifft nur den Ten (Dt. Körper), denn dieser ist nur ein Don (Dt. äußere Hülle) für die unsterbliche Seele. Das Can ruht nach dem materiellen Tod bei Hakk bis sie wieder in einen anderen Körper übergeht. Dieser Devriye (Dt. Kreislauf) dauert so lange, bis das Can den „Zustand der Vervollkommnung“ erreicht hat und mit Hakk eins wird: Hakla Hak Olmak.

Im Alevitentum nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich gibt es kein Paradies und keine Hölle nach dem Tod. Je nachdem, inwiefern der Mensch sein Can zum Guten bereinigen kann, kann er in verschiedenen Formen zurückkehren, und wenn er seine Seele zum Schlechten bewegt, wird er auf der Erde immer mehr das Schlimmste erleben und dieses Dasein stellt im Alevitentum der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich die Hölle (auf Erden) dar.


Rıza Şehri (Dt. wörtlich: „Stadt des Einvernehmens“, bezeichnet das Zusammenleben im Einvernehmen)

Basierend auf dem Rıza Şehri im Cem (alevitisches Glaubensritual nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich) streben die AlevitIn-nen der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich auch das Einvernehmen in ihrer alltäglichen Lebensführung in der Gemeinschaft an. Die Idee ist, dass alle Glaubensgeschwister erst dann in Glückseligkeit und Wohlstand leben können, wenn Einvernehmen untereinander besteht. Insofern sind Streitschlichtung, Konfliktlösung und Mediation wichtige Bestandteile von Cem.


Müsahiplik (Dt. Wahlverwandtschaft, Weggemeinschaft)

Als Zeichen von Geschwisterlichkeit gehen zwei Familien eine Müsahiplik (Dt. Bindung) ein. Zwei Ehepaare geben sich ein Ikrar (Dt. Gelübde) und schwören, dass sie sich immer und ewig zur Seite stehen werden. Diese Müsahiplik, die zwischen den zwei Familien als weltliches und geistliches Zusammenleben besiegelt wird, bildet den Kern der Gemeinschaft der AlevitInnen der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Diese Familien leben Solidarität und Harmonie in der Gemeinschaft und symbolisieren der Gemeinschaft, dass nicht nur biologische Brüder und Schwestern, sondern auch geistige Brüder und Schwestern einander nahe stehen können. Dies fördert die gegenseitige Unterstützung und soll vor allem Fehlverhalten verhindern, das sich auf dem Weg zur Vervollkommnung (Einswerdung mit Hakk; Hakla Hak Olmak) über die Dört Kapı Kırk Makam ergeben könnte. Die Verdienste bzw. Fehlverhalten beider Familien werden nunmehr gemeinsam vor der Gemeinde in den Cem verantwortet. Die Familien übernehmen also Verantwortung und Fürsorge füreinander. Weiteres besteht ein unbegrenztes Heiratsverbot zwischen den Kindern und Kindeskindern dieser Familienpaare.

Cem (Dt. Gemeinschaftliches Glaubensritual)

Das Cem ist die wichtigste Institution im Alevitentum nach dem Selbstverständnis der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Es gibt verschiedene Cem, die zu unterschiedlichen Anlässen (Görgü, Ikrar, Hızır, Matem etc.) realisiert werden. Das Cem wird im Cemevi (Dt. alevitisches Gebetshaus) und auch in den Meydan Evi (Dt. Gebetsräumen) in den Dergah (Dt. alevitische Kloster) vollzogen. Die Abhaltung der Cem erfolgt unter der gemeinsamen und gleichwertigen Teilnahme von Frauen und Männern als gleichberechtigte Can (Dt. Seele, Leben, Existenz). Unsere Cem können – im Sinne der Gleichberechtigung der Geschlechter – sowohl von Dedes als auch von Anas geführt werden.

Die Bestandteiler eines Cem

• İkrar (Dt. Initiation und Aufnahme in die Gemeinschaft durch das Versprechen)
• Oniki Hizmet (Dt. Weihung und Verrichtung der 12 Dienste)
• Dar-ı Mansur (Dt. Öffentliche Beichte und Streitschlichtung)
• Düşkün Kaldırma (Dt. Sanktionierung )
• Rızalık (Dt. Einvernehmen)
• Tevhid (Dt. Gebet und Vereinigung der Gemeinde) bzw. Miraç (Dt. geistige Reise zum Hakk)
• Semah (Dt. Ausführen des rituellen Tanzes) in Begleitung der Bağlama, Saz, Tembur (Dt. Langhalslaute)
• Lokma / Niyaz (Dt. Verteilung des gesegneten Gelöbnismahls) oder des Kurban
• Gülbang (Dt. Schlussgebete und Fürbitten)

Pir/Rehber/Ana (Dt. GeistlicheWegweiserInnen)

Der Postniş (Dt. Vorsteher) des Hünkar Bektasch Veli-Klosters in Anatolien ist Ehrenoberhaupt der frei-aleviten österreich. Die geistlichen WegweiserInnen unterteilen sich in den Zweig der Çelebi und Ocakzade. Beide geben das Wissen systematisch ihren Nachkommen weiter. Die Leitung der Cem-Dienste und Glaubensrituale obliegt ausschließlich diesen Geistlichen. Das Alevitentum der frei-alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich ist eine Beitrittsgemeinschaft und damit keine explizite Abstammungsgemeinschaft. So können auch jene GelehrtInnen (lehrbefugten Laien), die aus den Reihen der Talip (Dt. die Gläubigen) sind und keiner Ocak-Familie angehören, jedoch das Wissen errungen haben, unter der Voraussetzung, dass sie zumindest von einem Ocakzade mittels Icazetname (Dt. Befähigungsurkunde) bis auf Widerruf dazu berufen wurden, die Glaubensrituale der Gemeinschaft verrichten.

Ermişler (Dt. Verehrung der Seligen)

Aus den Reihen der Gläubigen werden jene Personen als „Ermiş“ (Dt. Selige) verehrt, die nach çile doldurmak (Dt. „innere Einkehr“; Vierzig Tage andauerndes Asketentum und Meditation isoliert von der Außenwelt) die Erkenntnis über die Hakk wiedererlangt haben. Die Ermiş dienen mit ihren „Visionen“ (göttlichen Eingebungen) den Gläubigen als Ratgeber.

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